Ein Urteil auf den ersten Blick5 Minuten
Beim Arzt wird einem geholfen. Aber nach manchen Arztbesuch braucht man eine Therapie.
Der erste Arzbesuch
1. Die Notfall-Sprechstunde
Terminservice:
Gesetzlich Versicherte können über die Nummer oder die Website 116117.de Termine bei Fachärzten oder Psychotherapeuten vermittelt bekommen.
Ärztlicher Bereitschaftsdienst:
Sie erreichen dort rund um die Uhr medizinischen Rat für Beschwerden, mit denen Sie sonst am Tag in eine Hausarztpraxis gehen würden, wenn diese jedoch geschlossen hat (Nächte, Wochenenden, Feiertage).
Eine sehr gute Sache. Anstatt monatelanges Warten auf einen Facharzttermin kann man sich bei der Notfallnummer melden. Vorher braucht man eine Überweisung vom Hausarzt. Am besten mit einem Code für echte Notfälle.
Man kommt zum ersten Mal zu diesem Arzt. Nachdem er gefragt hat, warum man hergekommen ist, blickt er einen abschätzig an. „Sie sind übergewichtig.“
1.1. Ich bin schwach und zu dick
Ja, das bin ich. Aber warum ich das bin, das weiß er nicht. Mir geht es wie Zigtausenden Menschen, die unter Übergewicht leiden und ständig um jedes Gramm kämpfen. Bei mir ist es eine unheilbare Schilddrüsenerkrankung, die ständig zu Gewichtsschwankungen führt. Und zwar zu heftigen Schwankungen, mal eben so 10kg hoch, oder 15kg runter in ein paar Monaten ist keine Seltenheit. Hin und wieder kamen jeden Tag 1kg dazu, und dass trotz 800-Kalorien-Diät.
Früher litt ich darunter und versuchte mich ständig zu entschuldigen, warum keine Diät half, kein Sport. Überfunktion – Gewichtszunahme, Unterfunktion – Gewichtszunahme. Kropf – Gewichtszunahme.
1.2. Hashimoto ist keine Entschuldigung
Als man endlich erkannte, dass ich an Hashimoto-Thyreoiditis leide, dachte ich, nun kann es aufwärts gehen. Krankheit erkannt, nun kann man richtig behandeln. Mit einem Glücksgefühl ging ich nach Hause. Endlich würde sich mein Leben positiv verändern.
Aber kein Schilddrüsenexperte konnte helfen. Meistens bekam man nur dumme Sprüche. Es gab nichts, was diese Krankheit aufhalten konnte.
„Eigentlich müsste ich die Medikamentendosis noch niedriger machen. Aber dann würden sie mehr zunehmen.“
Danke, genau das brauchte ich nach 10kg Zunahme, nachdem ich mir 30kg runtertrainiert hatte.
Obwohl ich normalerweise eher der ruhige, sachliche Typ bin, konnte ich nicht mehr.
„Wenn ich mich jetzt bei ihnen in den Türrahmen stelle und warte, dann nehme ich stündlich zu, bis ich feststecke.“

1.3. Von nichts kommt nichts
Nun sitze ich diesem Arzt, der mich nicht kennt, gegenüber. Er stellt viele Fragen zu meiner Vergangenheit, walzt regelrecht durch meine Traumata. Die Fragen prasseln nur so auf mich herunter. Ich bin viel zu geschockt, um zu reagieren.
Aggressiv teilt er mir mit, dass es egal ist, ob er mir etwas verschreibt oder nicht, so lange ich zu viel esse, wird das sowieso nichts helfen.
Ich dachte, ich sei wegen einer Hautkrankheit hier. Er kennt mich nicht, kennt meine Krankheiten nicht. Aber im Urteilen ist er schnell zur Sache. Er fragt mich, was ich jeden Tag esse.
„Morgens ein Käsebrötchen.“
Er winkt ab. „Ein Brötchen? Auch noch aus Weizenmehl??“ Er schüttelt den Kopf.
„Und eine Banane.“
„Banane?“ Er ist entsetzt. „Viel zu viel Zucker. Da müssen sie sich nicht wundern, dass sie Übergewicht haben. Sie ernähren sich völlig falsch.“
„Aber irgendwas muss ich doch esse?“, wehre ich mich schon langsam verzweifelt.
„Dann essen sie eben das Richtige.“
„Ich habe eine Schilddrüsenkrankheit …“, wage ich zu sagen.
„Na und? Von nichts kommt nichts.“
1.4. Ich bin kein Opfer mehr
Da ich nach erfolgreicher Therapie nun aber weiß, dass mein Übergewicht nicht daher kommt, dass ich zuviel esse oder ständig alles Falsche, sondern dass man mit meiner Erkrankung manchmal gar nichts machen kann, werde ich nun langsam wütend.
Und immerhin habe ich vor einiger Zeit noch 30kg abgenommen, bis meine Schilddrüse wieder streikte. Diese Kilos verschwanden sogar von alleine, ohne Diät oder Sport. Nun kommen sie langsam wieder.
Ich lasse mir nie wieder Schuldgefühle einreden. Die Zeiten sind vorbei. Heute bin ich krank genug durch diese Hölle, durch die ich jahrzehntelang gehen musste. Hashimoto ist ein Schicksal, gegen das man nichts machen kann, weil die Medikamente nicht helfen. Und die Ärzte meistens keine Ahnung davon haben.

2. Schilddrüsenkranke unter sich
2.1. Schwarzer Humor
Das körpereigene Immunsystem greift fälschlicherweise das Gewebe der Schilddrüse an und zerstört es nach und nach. Durch diese dauerhafte Entzündung kann die Schilddrüse immer weniger wichtige Botenstoffe produzieren: Es kommt zu einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose).
Ständige Müdigkeit und Antriebslosigkeit, unerwartete Gewichtszunahme, starkes Frieren oder Kälteempfindlichkeit und trockene Haut und Haarausfall sind einige der Symptome.
Treffen sich zwei Schilddrüsenkranke beim Schilddrüsen-Stammtisch. Was stimmt daran nicht?
Es ist nur einer da, der andere hat gerade einen aktiven Schub, und es geht ihm schlecht. Deshalb ist er nicht gekommen. Die anderen acht sind gerade in einer Depressionsphase und schaffen es nicht aus dem Bett.
Der nächste Schilddrüsentreff. Nach der Begrüßung:
„Kennst du einen guten Schilddrüsenarzt hier?“
Kopfschütteln. „Und du?“
„Nein. Und ich war vorher in Hamburg.“
„Ich war auch noch in Berlin. Da habe ich auch alle durch.“
Man vergleicht noch die Ärzte, die man in dieser Stadt besucht hat und stellt fest, dass der andere die gleichen schlechten Erfahrungen gemacht hat. Gemeinsam fragt man sich, warum gibt es so wenige Schilddrüsen-Spezialisten in Deutschland?
Dabei meint man, gute Schilddrüsen-Experten, die auch wissen, was Hashimoto bedeutet? Die nicht nur L-Thyroxin verschreiben und denken, das ist die Therapie.
Der Kranke soll sich mal lieber zusammenreißen. Er kriegt doch Medikamente.
3. Nun brauche ich wieder eine Therapie
Und dieser Hautarzt verschreibt mir nun doch eine Salbe, mit den Worten.
„Das hilft sowieso nur ein paar Wochen, dann ist es wieder da.“
Danke für Nichts. Und auf nimmer wiedersehen. Nun muss ich mich erst einmal wieder aufmuntern. Kopf hoch, Krone richten, und ab nach Woolworth. Das habe ich mir verdient.
Demnächst:
→ Hashimoto für Anfänger
Author Profile
- Marion Klüter ist Multimedia-Fachfrau und Bloggerin. Sie unterhält zwei Blogs mit unterschiedlichen Schwerpunkten, da sich beide Themen nicht miteinander vereinen ließen, denn Wut und Kreativität passen schlecht zueinander. Seit einiger Zeit sind ihr Verlobter und sie stolze Besitzer eines Riesenschnauzers. Trotz vieler Rückschläge in ihrem Leben hat sie den Humor nicht verloren und lacht weiterhin gerne, auch über sich selbst.
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